Bonsai Ficus Ginseng oder Hochstapler im Supermarkt

Das ist ein Bonsai Ginseng.

Sicherlich hast Du schon öfter mal welche im Bau- und/oder Supermarkt gesehen. Sie sind hübsch, für einen Bonsai schon recht groß und es gibt sie zu einem vernünftigen Preis.

Meist stehen sie in einem gewöhnlichen Pflanzentopf, gespickt mit einem dieser fröhlichen Plastikschildchen, die mit simplen Bildern erklären, wie man es dem neuen Hausgenossen gemütlich macht.

Viele Sonne, einmal die Woche gießen, einmal im Monat düngen und irgendwann beschneiden. Außerdem ist das Pflanzenmännchen auf der Vorderseite echt goldig!

Klingt kinderleicht. Aussuchen, zahlen, einpacken.

 

Ich bin auch so jemand. Ich hab den Kleinen da stehen sehen und, na ja, er sieht doch putzig aus. Pflanzenkauf plant man nicht, das ist wie mit einem Film oder Game: Man sieht es, man will es. Oder eben nicht. In diesem Fall aber schon. Wer informiert sich denn vorher über die Lieblingskaffeesorte des Regisseurs oder den Hund des Chef-Graphikers.

Am Abend saß ich dann aber doch da und betrachtete meinen Bonsai.

Eine fette Sonne auf dem Schildchen, eine Schere an einem Zweigbüschel und gedüngt wollte er auch werden. Womit denn gedüngt? Gibt es einen Bonsaidünger für alle Bonsai oder Ginseng-Bonsaidünger für diesen. Gibt es überhaupt speziellen Dünger nur für Ginseng? Und wo wir schon dabei sind: Ich habe eine Venusfliegenfalle, die sich nur bei mehr als 10 Stunden Sonne am Tag richtig wohlfühlt – welche sie freilich hier nicht bekommt und trotzdem treibt, aber das ist eine andere Geschichte – will denn mein Ginseng nun auch so viel Sonne oder reichen ihm die 3 oder 4 mit denen sich die Zitruspflänzchen begnügen? Wieso hat er eigentlich drei Stämme (Da ist noch einer hinten dran)? Was macht diese dicke Schnittstelle da in der Mitte der Krone? Muss ich ihn jetzt eigentlich wirklich in diesem doofen Blumentopf lassen? Alle anderen Bonsai stehen doch immer in diesen hübschen, flachen Keramikschalen…

 

Wie heißt es inzwischen so schön – wenn auch nicht immer richtig? Google hilft.

„Ficus Ginseng – Bonsai oder Baum?“

Wer lesen kann, ist hier im Vorteil. Das steht doch ganz klar auf dem Schild.

„Mein Ginseng-Bonsai verliert Blätter, was tun?!“

Gießen, schätze ich mal…

Und natürlich allerlei Kaufanzeigen.

So recht helfen will mir aber keine der Seiten. Fragen, die in Foren mit Links beantwortet werden. Links zu Bonsaiseiten auf denen Ginseng kaum bis gar nicht erwähnt wird.

 

Die englischen Seiten sind hilfreicher. Was lernen wir:

Bonsai oder Baum? Tatsächlich ist es ein kleiner Baum, nicht, wie ausgewiesen, ein Bonsai. Das erklärt auch die stiefmütterliche Behandlung, die ihm Bonsai-Enthusiasten angedeihen lassen. Die drei Stämme sind eben keine Stämme sondern künstlich gezogene Luftwurzeln. In Taiwan, dem Hauptexportland des Ficus Ginseng Bonsai, gibt es ganze Farmen, die kleinen Hochstapler aus der Urform Ficus Retusa züchten. Hier findet sich auch die Erklärung für die große Schnittstelle, mit der der „Stamm“ abschließt: Ginseng bildet knollenartige Luftwurzeln. Der Farmer schneidet diese Knollen ab, pflanzt sie in einen Topf und wartet bis sich um die Schnittstelle herum neue Triebe bilden. Schon sieht das Ganze für einen Laien schwer nach Bonsai aus.

 

Sonne braucht er auch nicht so direkt. Sonnig oder halbschattig. Hell möchte er es haben, verbrennt aber in direktem Sonnenlicht. Na, gut zu wissen, dann bleibt Seymour, die Venusfliegenfalle, lieber allein in praller Sonne. Allerdings kann er im Sommer bei schönem Wetter auch nach draußen.

 

Ginseng ist ein tropisches Gewächs. Er braucht Wärme und Feuchtigkeit, keine Nässe. Moosbewuchs auf der Erde hilft ihm beim Wasserhaushalten und unterstützt die Bonsai-Optik.

Überwintern kann er hier an einem hellen Standort in einer Ruhephase, heißt ohne Düngen, Wachsen, Schneiden. Etwas kühler darf es dann schon sein, aber, als grobe Richtlinie, er fühlt sich wohl, wenn Du Dich wohlfühlst.

 

Ach, es gibt tatsächlich Bonsaidünger und den kann dieser Ginseng auch bekommen, es genügt aber auch jeder andere Hauspflanzendünger. Am Besten flüssig und während der Wachstumsphase einmal die Woche.

Flüssiger Dünger, denn feucht muss er immer gehalten werden. Am liebsten ist ihm eine hohe Luftfeuchtigkeit (Luftwurzeln sind dafür bei jeder Pflanze das auffallendste Merkmal), der in unseren Breiten und bei Heizungsluft mit einer Sprühflasche nachgeholfen werden kann.

Wie, meines Wissens nach, alle Ficusse hat auch der Ginseng Phasen, in denen er recht plötzlich größere Mengen an Blättern abwirft. In den meisten Fällen ist das ein normaler Prozess und die Pflanze erholt sich davon. Wenn es bei meinem soweit ist, werde ich aber sicherlich dennoch bangend auf die ersten Anzeichen neuer Triebe warten.

 

Umgetopft hab ich ihn, wie man sieht, inzwischen. Das Wurzelwerk ist dicht und gesund, ich hab's einfach riskiert. Flache Schalen sind kein Problem für den Ginseng, solange er sicher steht und ausreichen Drainage gegeben ist um Staunässe zu verhindern.

Ich habe das Glück in einer Gegend zu leben, wo die hübschesten, von Erzen durchzogenen Steine überall herumliegen. Diese bilden die unterste Schicht in der Glasschale mit Raum für überschüssiges Gießwasser. Darauf das beachtliche Wurzelwerk und die Blumenerde. Ich gebe zu, die Wurzeln zu stutzen, habe ich mich noch nicht getraut. Vielleicht nächstes Jahr, eine Weile nach dem ersten Beschneiden der Zweige.

 

Noch ein Paar Worte an Perfektionisten:

Was die Formgebung angeht, die jeder Bonsai-Freund beim Stutzen der Zweige als Schnittmuster für das Ideal im Kopf hat, empfiehlt sich bei unserem kleinen Baum ein halbwegs gerade nach oben gerichteter Zweigwuchs, der die große Schnittstelle verdeckt. Beschnitten werden sollte dabei, wie bei allen Pflanzen, immer innerhalb der Wachstumsphase, also in den warmen Monaten.

Wie bei jedem gewöhnlichen Bonsai kann die Wuchsrichtung der Zweige durch zielgerichtetes Umwickeln mit Draht gelenkt werden.

Wer noch mehr Bonsaioptik möchte, hat verschiedene Möglichkeiten, vom ganz unmittelbaren Zurechtsägen der Luftwurzeln (Absägen an der dicksten Stelle um den verräterisch konkaven Übergang von Boden zu Stamm zu beseitigen) bis zum Do-It-Yourself Bonsai durch Heranziehen eines Neuen, Echten aus abgeschnittenen Zweigen. Auch das gekonnte Anrichten von Steinen, Erde und Moos können genutzt werden um Schwachstellen zu kaschieren.

 

Mein Ginseng mit Namen Soo-Jung – Danke, Nekogiri für diesen schönen Vorschlag – wird von radikalen Maßnahmen verschont bleiben und wenn ich jemals auf die Idee kommen sollte, mir einen Bonsai selbst zu züchten, dann wird es eher eine Birke sein. Die sind nicht tot zu kriegen.

 

Man merkt vermutlich schon, ich habe nichts dagegen keinen Bonsai sondern ein kleines Bäumchen erworben zu haben. Der Ficus Ginseng ist was man freundlich einen „Einsteiger-Bonsai“ nennen kann: Er verzeiht kleine Haltungsfehler, ist robust und in der Pflege gerade unkompliziert genug um einen Einblick in die Bonsaiwelt zu geben ohne zu überfordern.

Der Pseudo-Bonsai Ficus Ginseng ist alles in allem eine echte Bereicherung für asiatisches Ambiente, nicht nur für Asien-Freunde und Meditations-Gärtner, und während die Familie überlegt, was man aus Ginsengknollen alles gesundheitsförderndes herstellen kann, hoffe ich Soo-Jung wird seeehr alt.

Dreißig Jahre können es schon werden.

In dreißig Jahren bin ich…

Oh man.

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3 Gedanken zu „Bonsai Ficus Ginseng oder Hochstapler im Supermarkt

  1. schön zu lesen der Text find ich gut
    ja ich hab letztens auch in einem Supermarkt gesehen das sie Bonsai's  verkaufen…
    Ich persöhnlich kaufe keine pflanzen… hab keinen grünen daumen… und bin vergesslich was das Gießen an geht…